„Die Zusammenarbeit zwischen Chinesen und Deutschen verbessern“
Im Oktober 2006 kam Jian Helen Liang an die Frankfurt School of Finance & Management. Ein DAAD-Stipendium ermöglichte der Pekingerin eine Promotion zu „Development Finance Theory and Practice“ bei Professor Dr. Paul G. Schmidt. Knapp zwei Jahre später schloss sie diese erfolgreich ab. Bei der Commerzbank begann sie anschließend ein Trainee-Programm im Bereich Group Credit Risk Management. Zum 1. September wechselt sie für die Commerzbank nach Shanghai. Als Senior Project Manager wird sie deutsche Unternehmen beim Aufbau ihrer China-Aktivitäten beraten.
Sie freut sich sehr, zurück nach China zu gehen, wieder in der Nähe ihrer Eltern und ihres Mannes zu sein. Als Beamter im Sicherheitsdienst durfte er nicht freiwillig ins Ausland reisen und Jian Helen Liang besuchen. Aber ihre Eltern kamen im August nach Deutschland, um zu sehen, wo und wie die einzige Tochter gelebt, gearbeitet und ge- forscht hat. Gemeinsam unternahm die Familie eine ausgedehnte Europareise und selbstverständlich zeigte Jian Helen Liang ihren Eltern das Commerzbank-Hochhaus und natürlich die Frankfurt School ― eine gute Gelegenheit für ein Gespräch für un- seren Sonnemann-Newsletter.
Helen, nach vier Jahren heißt es für Sie nun Abschied nehmen von Deutschland. Können Sie sich noch an Ihre ersten Eindrücke erinnern?
Als ich 2006 nach Deutschland kam, war das meine erste Erfahrung mit Europa – und es war schon auch ein Schock.
Inwiefern?
Die deutsche Mentalität ist ganz anders als die chinesische. In Deutschland steht der Einzelne mit seinen Interessen, Wünschen und Sichtweisen sehr im Fokus. Der ein- zelne Mensch äußert seine individuelle Meinung, man zeigt sich. In China denken wir mehr in Teams und halten uns zurück.
Jetzt packen Sie Ihre Koffer, räumen die Wohnung leer. Freuen Sie sich, nach Hause zu kommen?
Ich hatte eine wirklich wunderbare und prägende Zeit in Frankfurt. Die Frankfurt School ist eine ganz wichtige Station in meinem Leben. Sie war mein Zuhause in Europa. Alle haben sich herzlich und liebevoll um mich gekümmert. Dieses Gespräch ist vielleicht auch eine gute Gelegenheit, mich bei allen an der Frankfurt School herz- lich für ihre Hilfe und ihre Freundschaft zu bedanken ― insbesondere bei meinem Doktorvater Professor Schmidt und bei Frau Gebhart vom International Office! Aber ich gebe zu, dass ich mich nun sehr auf China freue! Ich freue mich, dass es nach Hause geht und ich wieder bei meinem Mann sein kann, der ja in Peking arbeitet und lebt – das sind nur zwei Flugstunden von Shanghai!
Für die Commerzbank gehen Sie nun nach Shanghai. Was machen Sie da konkret?
Die Commerzbank muss in Shanghai sein, um ihre Kunden dort zu unterstützen. Un- sere Kunden sind in erster Linie deutsche Unternehmen, Mittelständler. Natürlich geht es um Finanzierungsfragestellungen, aber nicht nur. Denn die Kunden brauchen nicht nur Geld, sondern sie erwarten Services, die darüber hinaus gehen – etwa bei Fragen der Unternehmensgründung in China. So ist es wichtig, dass in unserem Büro im Fi- nanzdistrikt Pudong Menschen arbeiten, die nicht nur exzellente Banking- und Finance-Kenntnisse mitbringen, sondern beide Kulturen, die deutsche und die chinesische, kennen und idealerweise auch beide Sprachen sprechen.
Dann sind Sie eine Idealbesetzung!
Schauen wir, wie es wird. China hat sich in den letzten Jahren unglaublich entwickelt, die Dynamik ist außergewöhnlich. So werde auch ich sicherlich etwas Zeit brauchen, mich wieder einzufinden. Ich war schließlich vier Jahre weg. Und gerade im Wirt- schafts- und Business-Leben hat sich unglaublich viel verändert.
Aber Sie sind doch prädestiniert für eine solche Rolle!
Natürlich bin ich mit der Promotion und dem Trainee-Programm in Frankfurt fachlich sehr gut ausgebildet und vorbereitet. Und ich glaube, dass ich dank meiner Erfahrung in Deutschland die Kultur deutscher Unternehmen und Manager gut verstehe. Letztlich wünsche ich mir sehr, dass ich dazu beitragen kann, die Zusammenarbeit zwischen Chinesen und Deutschen zu verbessern. Wir kennen uns nicht gut und die Medien- berichterstattung in Deutschland trägt auch nicht dazu bei, das Verständnis von- einander zu verbessern.
Wie meinen Sie das?
Nun, die chinesischen und die westlichen Medien haben eine grundsätzlich andere Per- spektive. Die demokratische Entwicklung Chinas, die Einhaltung der Gesetze, Men- schenrechte – all das sind Themen, über die die westlichen Medien berichten, wenn es um China geht. Und ich will auch nicht in Abrede stellen, dass diesen Fragen eine große Bedeutung zukommt. Dabei wird allerdings vergessen, dass China immer noch ein Entwicklungsland ist. Die wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes steht an erster Stelle. Konkret heißt das zum Beispiel, alle Menschen aus der Armut zu holen und ihnen Zugang zu medizinischer Versorgung und Bildung zu ermöglichen. In China leben 1,3 Milliarden Menschen und die Kluft zwischen Arm und Reich ist mittlerweile sehr groß. Peking und Shanghai haben sich zu hoch modernen Megastädten ent- wickelt, in denen unglaublich viele sehr, sehr reiche Menschen leben. Aber das ist nicht das ganze China. Auf dem Land zum Beispiel ist das Alltagleben weitaus härter.
Aber es ist gut, dass die Menschen nach China reisen, dass sich ausländische Unter- nehmen in China niederlassen. So kann man sich selbst ein Bild machen, das Land und die Menschen kennenlernen. Ich bin sicher, dass sich das Verständnis von- einander verbessern wird.

Am Ende ihrer Europareise schaute Jian Helen Liang (links) mit ihren Eltern Wenti
Liang (Mitte) und Suzhen Zhang in der FS vorbei. Rom und der Vatikan hatte die Familie besonders beeindruckt, denn dort läge für sei gleichsam die Quelle der christlich-europäischen Tradition.