Wirtschaftsweise Veronika Grimm spricht an der Frankfurt School

Deutschlands Wirtschaft steht unter Druck: Seit Jahren stagniert das Wachstum, geopolitische Spannungen verschärfen die Unsicherheit, und strukturelle Herausforderungen fordern klare Prioritäten. Wie lassen sich unter diesen Bedingungen neue Perspektiven eröffnen, ohne künftige Chancen zu verspielen? Dieser Frage widmete sich Professorin Dr. Veronika Grimm, Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, in ihrem Vortrag an der Frankfurt School of Finance & Management. Die Veranstaltung fand im Rahmen der Gastvorlesungsreihe des Centre for Central Banking (CfCB) statt.
Jens Weidmann, Professor of Practice in Central Banking und Co-Direktor des Centre for Central Banking, eröffnete die Gastvorlesung und betonte die Bedeutung unabhängiger, wissenschaftlich fundierter Beratung in einer Zeit, in der multiple Krisen, geopolitische Spannungen und wirtschaftliche Umbrüche politische Entscheidungen prägen.
Im Zentrum des Vortrags stand eine klare Diagnose der aktuellen wirtschaftlichen Lage. Grimm machte deutlich, dass Deutschland seit 2018 faktisch kein reales Wachstum mehr verzeichnet. Das vom Sachverständigenrat geschätzte Potenzialwachstum liegt derzeit nur bei rund 0,3 Prozent und könnte infolge des demografischen Wandels weiter sinken. Der Eintritt der Babyboomer-Generation in den Ruhestand reduziert das Arbeitsvolumen spürbar, während Zuwanderung diesen Rückgang nicht vollständig kompensieren kann. Gleichzeitig ist die Industrieproduktion in Deutschland branchenübergreifend rückläufig, obwohl die weltweite Industrieproduktion wächst. Beschäftigungszuwächse entstehen vor allem im öffentlichen Sektor und im Gesundheitswesen, weniger in produktivitätsstarken privaten oder technologiegetriebenen Bereichen. Für Grimm sind diese Entwicklungen Ausdruck struktureller Schwächen – nicht lediglich einer konjunkturellen Abschwächung.
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Finanzpolitik. Zusätzliche Mittel für Verteidigung, Infrastruktur und Klimaschutz erweitern kurzfristig die staatlichen Handlungsspielräume, erhöhen jedoch mittelfristig Zins- und Sozialausgaben. Simulationen des Sachverständigenrats zeigen, dass die Schuldenquote in den kommenden Jahren deutlich steigen könnte. Grimm betonte, dass höhere Verschuldung allein keine nachhaltige Wachstumsdynamik erzeugt, wenn das zugrunde liegende Potenzialwachstum niedrig bleibt. Ohne strukturelle Reformen oder eine klare Priorisierung staatlicher Ausgaben drohe eine Verengung des fiskalischen Spielraums.
Vor diesem Hintergrund stellte Grimm zentrale Ansatzpunkte des aktuellen Jahresgutachtens vor. Nachhaltiges Wachstum erfordere eine stärkere Dynamik im privaten Sektor, insbesondere in technologieintensiven Bereichen. Deutschland müsse bessere Rahmenbedingungen für Innovation, Unternehmensgründungen und Skalierung schaffen. Regulatorische Hürden und komplexe Genehmigungsprozesse erschwerten in vielen Feldern – etwa bei Anwendungen der Künstlichen Intelligenz, im Bereich datenbasierter Medizin oder in der Biotechnologie – die Entwicklung wettbewerbsfähiger Geschäftsmodelle. Eine gezielte Überprüfung und Anpassung bestehender Regulierung sei daher ebenso notwendig wie eine Vertiefung des europäischen Binnenmarkts, insbesondere durch den Abbau interner Handelshemmnisse im Dienstleistungsbereich. Zudem sprach sich Grimm für eine stärkere Integration der europäischen Kapitalmärkte aus, um Investitionen zu erleichtern und Wachstumsunternehmen bessere Finanzierungsmöglichkeiten zu eröffnen. Auch eine Reform der Unternehmensbesteuerung könne ein Baustein einer umfassenden Reformagenda sein, wenngleich sie allein keinen Wachstumsschub auslösen werde.
Im Anschluss an den Vortrag entwickelte sich eine lebendige Diskussion, moderiert von Emanuel Mönch, Professor für Financial und Monetary Economics und ebenfalls Co-Direktor des Centre for Central Banking. Thematisiert wurden insbesondere politische Umsetzungsanreize, europäische Wettbewerbsfähigkeit und langfristige Reformstrategien. Beim anschließenden Get-together nutzten die Teilnehmenden die Gelegenheit, die angesprochenen Fragen in angenehmer Atmosphäre weiter zu vertiefen.
Die nächste Gastvorlesung des CfCB findet am Mittwoch, 11. März 2026, von 16:00 bis 17:00 Uhr statt: Professorin Isabel Schnabel, Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank, spricht zum Thema „Navigating Inflation and Employment in an Era of Supply Shocks and AI“.