„Wir gegen die“ – Neue Studie zeigt, wie die Politik Überzeugungen polarisieren kann, ohne Informationen zu liefern

21. Mai 2026Forschung
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  • Eine Studie der Frankfurt School of Finance & Management zeigt, dass die bloße Erwähnung eines sozialen Konflikts die Uneinigkeit zu verschiedensten politischen Themen um 8 bis 35 Prozent steigert – Desinformation ist nicht nötig
  • Die Studie basiert auf einer experimentellen Umfrage unter 13.000 Menschen in den USA
  • Die Ergebnisse bedeuten, dass die oft genannten Standardrezepte gegen Polarisierung — Faktenchecks, ausgewogenere Mediennutzung und stärkere Medienkompetenz —unzureichend sein können

Politische Polarisierung wird häufig auf Desinformation, Echokammern oder einseitige Berichterstattung zurückgeführt. Eine neue experimentelle Studie der Frankfurt School of Finance & Management legt nahe, dass bereits die bloße Erwähnung eines sozialen Konflikts ausreicht, um die Uneinigkeit in der Gesellschaft sowohl bei faktischen als auch bei normativen Fragen deutlich zu verstärken.

Professor Dr. Frederik Schwerter von der Frankfurt School zeigt gemeinsam mit Professor Dr. Nicola Gennaioli und Professor Dr. Guido Tabellini von der Bocconi University und dem Centre for Economic Policy Research (CEPR) in einer Umfrage mit fast 13.000 Menschen in den USA, dass die Erwähnung eines sozialen Konflikts ohne die Vermittlung neuer Informationen die Uneinigkeit zu verschiedensten politischen Themen um 8 bis 35 Prozent steigert. In der Umfrage wurde lediglich die Reihenfolge der Fragen verändert: Eine Hälfte der Befragten wurden zuerst gebeten, über einen sozialen „Gegner“ nachzudenken – etwa Milliardäre, die Steuern hinterziehen, oder Unterstützer von White Pride –, bevor sie ihre Einschätzungen zu Fragen wie Einkommensungleichheit, Migration, Umverteilung oder Abtreibung abgaben. Die zweite Hälfte der Befragten gaben zuerst ihre Einschätzungen zu diesen Fragen, bevor sie über einen politischen Gegner nachdenken sollten. Alleine durch diese Umkehr der Fragen verschoben sich die Überzeugungen deutlich und systematisch.

Der Grund dafür liegt in sozialer Identität. Wird ein Konflikt zwischen Gruppen hervorgehoben, beginnen Menschen, die Welt durch die Perspektive ihrer Eigengruppe wahrzunehmen. Ihre Überzeugungen verschieben sich in Richtung von Stereotypen der Eigengruppe, oft überzeichnet im Verhältnis zur Realität.

Diese Ergebnisse haben direkte Implikationen für politische Strategien. Wenn bereits die bloße Hervorhebung eines Konflikts ausreicht, um Überzeugungen zu polarisieren, müssen Politiker keine Fakten verzerren, um Wählerinnen und Wähler zu spalten. Sie können schlicht entscheiden, welchen Konflikt sie in den Vordergrund rücken.

„Die Politik aktiviert Gruppenkonflikte regelmäßig allein durch Rhetorik. Wenn Donald Trump ‚Kommunisten, Marxisten, Faschisten und radikale linke Schläger als Bedrohung für Amerika benennt, präsentiert er keine Fakten, nichts Neues und keine politischen Vorschläge. Stattdessen wird das Publikum dazu eingeladen, darüber nachzudenken, wer es bedroht“, sagt Frederik Schwerter. „Die Konsequenz ist bemerkenswert: Um eine Gesellschaft zu polarisieren, braucht es keine Desinformation. Es reicht, einen Konflikt ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken.“

Das bedeutet, dass die oft genannten Standardrezepte gegen Polarisierung – Faktenchecks, ausgewogenere Mediennutzung und stärkere Medienkompetenz – unzureichend sein können. Wenn Identität aktiviert wird, gewichten Menschen gruppenbasierte Überzeugungen stärker und themenspezifische Informationen schwächer; ein gut platzierter Faktencheck kann sogar nach hinten losgehen, indem er die Wahrnehmung einer Voreingenommenheit der Fremdgruppe verstärkt. Interventionen, die gemeinsame Identitäten aktivieren, etwa gemeinsame nationale Projekte, gruppenübergreifende soziale Bindungen oder externe Herausforderungen, könnten Polarisierung wirksamer entschärfen, als einem bereits gesättigten Medienumfeld noch mehr Informationen hinzuzufügen.

Frederik Schwerter

Associate Professor für Mikroökonomie
Frederik Schwerter